Obdachloser

Die drittgrößte dänische Stadt Odense überwacht im Rahmen eines Pilotprojekts zwanzig Obdachlose per GPS-Peilsender. Die Stadt Odense erwartet hierdurch aufschlußreiche Erkenntnisse über den Tagesablauf von Obdachlosen, wo und wie lange sie sich an bestimmten Orten aufhalten und wie sie diese Orte erreichen, um die Lebenssituation von Obdachlosen zu verbessern und Hilfsangebote zielgerichteter steuern zu können.

 

Dänischen Medienberichten zufolge beteiligten sich die überwachten Obdachlosen freiwillig an diesem Projekt, welches auch auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass den teilnehmenden Probanden drei kostenlose Mahlzeiten pro Tag für die Überwachungsdauer zugesagt wurden.

In der dänischen Öffentlichkeit findet dieses Projekt durchaus positive Ressonanz, Zweifel kommen hierbei gar nicht erst auf und dänische Medien verweisen auf andere europäische Städte, die eher bestrebt sind Obdachlose aus den Stadtzentren zu verbannen als diesen aktiv zu helfen. Als Beispiele werden hier Madrid, Budapest oder London genannt.

Was jedoch zunächst einmal augenscheinlich an Orwells Buch 1984 erinnert ist, pragmatisch betrachtet, ein mutiger Schritt in die richtige Richtung und dennoch dabei auch ein falscher.

Ungeachtet der Tatsache dass ein solches Projekt eine Gratwanderung an der öffenlichen Meinungsbildung ist, stellt sich hierbei doch eine wesentliche Frage:

- Warum spricht man nicht einfach mit den Betroffenen oder begleitet sie um ihre Lebenssituation und ihren Tagesrythmus zu analysieren ?

Dies wäre die kostengünstigste und traditionellste Lösung um Daten zu erheben und diese für eine Verbesserung der Lebenssituation von Obdachlosen einzusetzen. Dass man nun auf GPS setzt, ist auch ein Indiz dafür, dass man der eigentlichen Klientel misstraut oder dass der bestehende Personalbedarf für die Befragung von zwanzig Obdachlosen zu klein oder zu aufwändig erscheint. Nur welche Hilfsangebote will man zukünftig optimieren, wenn es bereits hieran scheitern sollte ?

- Wie wird die Stadt Odense mit den gewonnen Daten zukünftig wirklich umgehen ?

Was man sagt und was man tut sind generell zwei unterschiedliche Dinge die es stets zu differenzieren gilt. Natürlich ist eine Erhebung von Standort- und Bewegungsdaten via GPS eine heikle Angelegenheit und logischerweise führt man den Einsatz einer solchen Technologie zur Verbesserung der Lebensumstände von Obdachlosen an. War es nicht schon immer so, dass Technologie grundsätzlich zur Verbesserung von Lebensumständen eingesetzt, hierbei mitunter im Zuge der Zeit- und des Zeitgeistes sowie wirtschaftlicher und ökonomischer Aspekte jedoch auch mißbräuchlich angewandt wurde ?

Aufpassen - Geschichte wiederholt sich

So sehr ich mich auch bemühe an die guten Absichten der Stadt Odense zu glauben, so sehr fröstelt es mich doch auch hinsichtlich der moralisch / ethischen Grenzüberschreitung die ein solches Projekt mit sich bringt. Einmal toleriert wird ein solches Pilotprojekt auch bei anderen europäischen Städten Nachahmer finden, bei denen es vielmehr darum geht Obdachlose aus den Städten zu drängen als diese stadtintegrativ unterstützen zu wollen.

Die aktuellen Entwicklungen zeigen deutlich auf, dass die Einschränkung von Bürgerrechten und Freiheit immer bei denjenigen beginnt, die über keine Lobby verfügen und bei denen der geringste Widerstand zu befürchten ist. Der Zweck heiligt hierbei immer die Mittel. Mag er für die dänische Stadt Odense ein humanistisch / karitativer sein, so mag er zukünftig für andere Städte politisch motiviert sein (ohne dass diese es jedoch offenkundig propagieren würden). Es wäre nicht zu spät wenn wir bemerken, dass nur die Anderen betroffen sind und nicht wir selbst.